Category Archives: Alltag

Abmindernd

Anesis

Ich trug ‘ne gritzegrüne Jacke,
doch hatte sie auch weiße Streifen.
Du denkst, der Typ hat wohl ‘ne Macke,
doch manchmal kannst du mich begreifen.

Die Ampel da bleibt ewig Rot,
nur manchmal steht sie auf Orange.
Die Leute stehn als wär’n sie tot,
doch ich bin nicht von ihrer Branche.

([Allegro ma non troppo]; abmindernd, decrescendo; ironisch wird’s, wenn die vermindernde Aussage die erste umwirft [Urteil nach einem Chopin Klavierabend: “Das war wirklich sehr beeindruckend! …vielleicht mit Ausnahme vom Chopin…”]; das Gegenteil, wenn die zweite Aussage die erste verstärkt, heißt Epitasis)

Anesis

Verstärkend

Epitasis

Kein grünes Hemd! Nie werd ich dir eins geben!
Lauf nicht bei Rot! Niemals in deinem Leben!

(die zweite Aussage verstärkt und bestätigt die erste; ein Nachdruck; das Gegenteil ist die Abminderung)

Beethoven concerto

die Quartsprünge im dritten und vierten Takt von Beethovens drittem Klavierkonzert haben so eine bestätigende Wirkung – durchaus, durchaus!

Nicht nur…, sondern auch

Dirimens copulatio

Dies Hemd ist nicht nur grün, es ist auch wunderbar;
ich trug es nicht nur dieses, nein, auch letztes Jahr.

Das Ampellicht ist nicht nur rot – es ist gemein!
Wer hier nicht geht ist nicht nur dumm – er hat kein Bein!

(nicht nur…, sondern auch…; eigentlich das Erwähnen von Gegesätzlichem, um das Gleichgewicht einer Aussage zu wahren; vergleiche ↪ Gute Seite des Schlechten in “Alltag”)

Dirimens copulatio

Gute Seite des Schlechten

Antanagoge

Dies grüne Hemd ist etwas klein
sein Schnitt jedoch besonders fein,
die Farbe zwar ein wenig fahl,
doch preiswert ist es allemal.

Hier wart’ ich nun beim Ampelhalt.
Es ist zwar Rot, doch schätz ich, bald
wird’s Grün. Was steh ich noch herum?
Ich bin zwar dämlich doch nicht dumm.

(zwar minus, doch plus; die gute Seite des Schlechten: “Schenkt das Leben dir Zitronen, mach Zitronensaft daraus!”; vergleiche ↪ Nicht nur…, sondern auch in “Alltag”)

Geschenk

E. O. Plauen: Vater und Sohn, 1935

Nebeneinanderstellen von Gegensätzen

Enantiosis

Dies grüne Ding? Du fauler Knochen!
Das Hemd ist weder neu noch schön.
So darfst du, sag ich, weder wochen-
noch sonntags auf die Straße gehn.

Und bei der Kreuzung dort, du Wicht,
was rennst du denn so rasch hinüber?
Meinst du etwa, bei rotem Licht
hilft dir ein grünes Hemd, mein Lieber?

In Rot bei Grün: Das ist famos.
In Grün bei Rot: Das lass man bloß!


In Rot, in Grün – bei Grün kannst gehn.
In Grün, in Rot – bei Rot bleibst stehn.

(paradoxe Verbindung von Gegensätzen [“Eile mit Weile”, oder Petrarcas Sonett 104, “Pace non trovo”, bekannt durch Liszts Vertonung: “Zum Krieg zu schwach, kann ich nicht Frieden finden, / Ich fürcht und hoffe, frier und glüh im Brande, / Zum Himmel flieg ich, schmacht im Erdenlande, / Nichts haltend, möcht ich doch die Welt umwinden.”], ↪ auch Oxymoron in “Humor” und Paradoxon in “Selt aber würdig”; auch Bejahung durch Verneinung und umgekehrt [Beginn des ersten Psalms: “Glücklich der Mann, der nicht geht im Rat der Frevler und im Weg der Sünder nicht steht und im Stuhl der Seuchen nicht sitzt”] )

Psalm 1

Anfang des ersten Psalms im Dagulf-Psalter, ~790